In Kapitel 01 haben wir die Schrödinger-Gleichung für H₂O aufgestellt. Das Problem ist: Die gesuchte Wellenfunktion \(\psi(\mathbf{r}_1, \ldots, \mathbf{r}_{10})\) hängt von den Koordinaten aller 10 Elektronen gleichzeitig ab.
Dieses Kapitel beantwortet zwei Fragen:
Welche Zusatzbedingung muss eine Mehr-Elektronen-Wellenfunktion zwingend erfüllen?
Welche mathematische Struktur erlaubt uns, diese Bedingung auf elegante Weise zu kodieren?
Die Antwort auf beide Fragen ist die Slater-Determinante.
4.1 Ununterscheidbarkeit und das Pauli-Prinzip
In der klassischen Mechanik kann man Teilchen durch ihre Trajektorien verfolgen – Teilchen 1 ist immer das, das zuerst hier war. In der Quantenmechanik gibt es keine Trajektorien. Zwei Elektronen sind prinzipiell ununterscheidbar: Tauscht man Elektron 1 und Elektron 2, entsteht kein neuer physikalischer Zustand.
Die Wahrscheinlichkeitsdichte darf sich daher unter Teilchenvertauschung nicht ändern:
Hierbei ist \(\mathbf{x}_i = (\mathbf{r}_i, \sigma_i)\) die vollständige Koordinate von Elektron \(i\), bestehend aus Ort und Spin.
4.1.1 Spin: ein diskreter Freiheitsgrad
Neben Ort und Impuls haben Elektronen einen weiteren, rein quantenmechanischen Freiheitsgrad: den Spin. Er kann zwei Werte annehmen, die wir mit \(\alpha\) (up, \(\uparrow\)) und \(\beta\) (down, \(\downarrow\)) bezeichnen. Spin ist nicht eine klassische Rotation – er ist eine intrinsische Eigenschaft ohne klassisches Analogon.
Für unsere Zwecke reicht es, Spin als diskretes Label zu behandeln. Ein Spinorbital ist das Produkt aus einer Raumfunktion \(\psi(\mathbf{r})\) und einer Spinfunktion:
Das verletzt aber das Pauli-Prinzip – denn beim Vertauschen von Elektron 1 und 2 ändert sich die Funktion im Allgemeinen, ohne das Vorzeichen zu wechseln.
Die Lösung: Man antisymmetrisiert das Produkt. Für zwei Elektronen:
Der Faktor \(1/\sqrt{N!}\) stellt die Normierung sicher.
WichtigWarum die Determinante?
Die Antisymmetrie der Wellenfunktion unter Teilchenvertauschung entspricht exakt der Eigenschaft von Determinanten, das Vorzeichen bei Zeilenvertauschung zu wechseln:
Zwei Elektronen im selben Spinorbital\(\phi_a = \phi_b\) = zwei gleiche Spalten → \(\det = 0\) ✓
Das Verschwinden der Determinante bei gleichen Spinorbitalen ist gerade das Pauli-Ausschlussprinzip: Zwei Elektronen können nicht denselben Quantenzustand besetzen.
4.2.1 Verkürzte Schreibweise
Da das Ausschreiben der vollen Determinante mühsam ist, schreibt man kurz:
Abbildung 4.1: Struktur der Slater-Determinante für N=4 Elektronen in 4 Spinorbitalen. Zeilen = Elektronen, Spalten = Spinorbitale. Die Antisymmetrie folgt aus der Determinanteneigenschaft.
4.3 Das Pauli-Ausschlussprinzip als Konsequenz
Das Pauli-Ausschlussprinzip – in der Chemie oft als empirische Regel eingeführt – folgt hier als rein mathematische Konsequenz: Sind zwei Spalten der Determinante gleich (zwei Elektronen im selben Spinorbital), so ist \(\det = 0\).
Das hat zwei wichtige Implikationen:
Besetzungsregel: In jedem Raumorbital können höchstens 2 Elektronen sitzen (eines mit \(\alpha\)-, eines mit \(\beta\)-Spin).
Spinkorrelation: Zwei Elektronen mit gleichem Spin tendieren dazu, sich räumlich auszuweichen – nicht wegen einer Wechselwirkung, sondern weil die antisymmetrische Wellenfunktion es so verlangt.
Abbildung 4.2: Illustration der Spinkorrelation: Die bedingte Wahrscheinlichkeit, Elektron 2 bei r₂ zu finden, wenn Elektron 1 bei r₁=0 sitzt. Für gleichen Spin (antisymm.) gibt es ein Austauschlo bei r₁=r₂; für entgegengesetzten Spin (symm.) nicht.
4.4 Die Slater-Determinante für H₂O
Wasser hat \(N_e = 10\) Elektronen. In der Grundzustands-Konfiguration (alle Elektronen gepaart) besetzen sie 5 Raumorbitale \(\psi_1, \ldots, \psi_5\), jeweils einmal mit \(\alpha\)- und einmal mit \(\beta\)-Spin. Die 10 Spinorbitale sind:
Das ist eine restricted Wellenfunktion (RHF): Jedes Raumorbital ist mit beiden Spinrichtungen besetzt. Das ist die Standard-Annahme für Moleküle mit gerader Elektronenzahl im Grundzustand.
Code
# Orbitalenergien aus HF/STO-3G (wir lesen sie in Kapitel 03 aus PySCF)# Hier schematisch für die VisualisierungE_occupied = [-20.56, -1.35, -0.72, -0.57, -0.50] # in Hartree (ca.)E_virtual = [ 0.21, 0.31, 0.54, 0.64, 0.79]fig, ax = plt.subplots(figsize=(6, 6))level_w =0.4for i, E inenumerate(E_occupied): x_pos =0.5 ax.hlines(E, x_pos - level_w/2, x_pos + level_w/2, color='#2166ac', lw=2.5)# Alpha-Pfeil ax.annotate('', xy=(x_pos -0.08, E +0.05), xytext=(x_pos -0.08, E -0.05), arrowprops=dict(arrowstyle='->', color='#2166ac', lw=1.5))# Beta-Pfeil ax.annotate('', xy=(x_pos +0.08, E -0.05), xytext=(x_pos +0.08, E +0.05), arrowprops=dict(arrowstyle='->', color='#d6604d', lw=1.5)) ax.text(x_pos + level_w/2+0.05, E, f'$\\psi_{i+1}$', va='center', fontsize=11)for i, E inenumerate(E_virtual): ax.hlines(E, 0.5- level_w/2, 0.5+ level_w/2, color='#aaa', lw=2.5, ls='--') ax.text(0.5+ level_w/2+0.05, E, f'$\\psi_{{{i+6}}}$', va='center', fontsize=11, color='#aaa')ax.axhline(0, color='gray', lw=0.8, ls=':', alpha=0.5)ax.text(0.05, 0.02, 'Vakuumniveau', fontsize=9, color='gray')# HOMO/LUMOax.annotate('HOMO', xy=(0.15, E_occupied[-1]), fontsize=10, color='#2166ac', va='center')ax.annotate('LUMO', xy=(0.15, E_virtual[0]), fontsize=10, color='#888', va='center')ax.set_xlim(0, 1.2)ax.set_ylabel('Orbitalenergie / Hartree', fontsize=12)ax.set_title('H₂O: Besetzungsschema (STO-3G / HF)', fontsize=13)ax.set_xticks([])ax.grid(True, alpha=0.2, axis='y')from matplotlib.lines import Line2Dlegend = [ Line2D([0],[0], color='#2166ac', lw=2.5, label='besetzt'), Line2D([0],[0], color='#aaa', lw=2.5, ls='--', label='virtuell (leer)'),]ax.legend(handles=legend, fontsize=10)plt.tight_layout()plt.show()
Abbildung 4.3: Elektronenkonfiguration von H₂O: 5 besetzte Raumorbitale (je α und β), 5 virtuelle (leere) Orbitale im STO-3G Basissatz.
4.5 Was die Slater-Determinante nicht leistet
Die Slater-Determinante ist eine einzige antisymmetrische Funktion – eine Näherung. Die exakte Grundzustandswellenfunktion wäre eine Linearkombination über alle möglichen Slater-Determinanten (alle möglichen Besetzungsmuster).
Die Näherung durch eine einzige Slater-Determinante ist der Kern des Hartree-Fock-Verfahrens. Sie hat eine wichtige Konsequenz:
In einer Slater-Determinante bewegt sich jedes Elektron in einem mittleren Feld der anderen – die instantane, dynamische Korrelation der Elektronenbewegungen wird ignoriert. Diese fehlende Elektronenkorrelation ist die fundamentale Grenze von Hartree-Fock.
Die Differenz zwischen der exakten Energie und der HF-Energie heisst Korrelationsenergie – mehr dazu in Kapitel 03.
Kapitel 03 nimmt diese Struktur als Ausgangspunkt und leitet ab, wie man die Raumorbitale \(\psi_1, \ldots, \psi_5\) für H₂O optimal – im Sinne des Variationsprinzips – bestimmt. Das ist das Hartree-Fock-Verfahren.